Vaginal Seeding: Können wir Kaiserschnitt-Babys fehlende Mikroben zurückgeben?

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Vaginal Seeding ist eine erstaunlich einfache Idee: Können wir ein Kaiserschnitt-Baby nachträglich mit den Mikroben besiedeln, welchen Ihnen durch ihren Geburtsmodus im Vergleich zu einer natürlichen Geburt fehlen? Genau dieser Frage geht die Forschung seit Jahren nach – und sie beschäftigte mich auch ganz persönlich.

Mikroben sind die ältesten Lebewesen der Erde. Pilze, Viren und Bakterien bilden zusammen das sogenannte Mikrobiom des Menschen. Sie kommunizieren mit dem Immunsystem, produzieren Vitamine und Enzyme und sind an der Verdauung beteiligt. Das schnell wachsende Feld der Mikrobiomforschung bringt neue Erkenntnisse zu den unglaublichen Verknüpfungen, die auch Darm-Haut- und Darm-Hirn-Achse genannt werden. Die Besiedlung des Babys während und nach der Geburt mit diversen Mikroorganismen bildet eine wichtige Basis für die Entwicklung der Gesundheit im menschlichen Körper.

Die erste Dosis Mikroben erhalten Babys von ihrer Mama. Je nachdem, wo und wie Babys geboren werden, werden sie von unterschiedlichen Mikroben besiedelt.

Babys, die vaginal geboren werden, sind beim Passieren des Geburtskanals von einem Film aus Mikroben bedeckt. Zu dieser Mischung gehören auch Bakterien, die Babys dabei helfen, ihre erste Mahlzeit zu verdauen!

Babys, die dagegen per Kaiserschnitt geboren werden, werden hauptsächlich von Hautmikroben besiedelt – einer ganz anderen Zusammensetzung von Arten.

Die mikrobielle Besiedlung endet natürlich nicht mit der Geburt. Aber diese allerersten Unterschiede der Erstbesiedlung – vaginale Geburt gegenüber Kaiserschnitt, Hausgeburt gegenüber Krankenhausgeburt – sind noch Monate und möglicherweise sogar Jahre nach der Geburt messbar. Radke (2012) führt aus, dass bei Kaiserschnittbabys der intensive Kontakt mit der mütterlichen Vaginalflora während der Geburt ausbleibt. Dadurch beginnt die bakterielle Besiedlung des Darms bei ihnen verzögert und unterscheidet sich in ihrer Zusammensetzung von derjenigen vaginal geborener Kinder.

Vaginal Seeding: Unterschiede im Mikrobiom bei vaginaler Geburt und Kaiserschnitt
Eigene Darstellung nach Lutz & Gianom (2018)

Mögliche gesundheitliche Folgen werden in der Forschung diskutiert: von Fehlregulationen des Immunsystems, Allergien und Autoimmunerkrankungen über Auffälligkeiten entlang der Darm-Haut- und Darm-Hirn-Achse bis hin zu Entwicklungsverzögerungen und Verhaltensauffälligkeiten.

Doch lässt sich dieser Nachteil in der frühen mikrobiellen Besiedlung nach einem Kaiserschnitt zumindest teilweise ausgleichen?

Genau hier setzt eine erstaunlich einfache Idee an: das sogenannte Vaginal Seeding.

Dabei geht es um die Frage, ob sich ein Teil jener mütterlichen Mikroben, mit denen ein Baby während einer vaginalen Geburt in Kontakt kommt, nach einem Kaiserschnitt einfach auf das Neugeborene übertragen lässt.

Genau dieser Frage widmet sich die Mikrobiomforscherin und Anthropologin Maria Gloria Dominguez-Bello seit vielen Jahren. 2016 veröffentlichte sie gemeinsam mit ihrem Team eine Pionierstudie, die untersuchte, ob sich die Mikrobiota von Kaiserschnitt-Babys durch vaginalen mikrobiellen Transfer zumindest teilweise derjenigen vaginal geborener Babys annähern lässt.

Ein anderer Weg ins Leben bedeutet auch einen anderen Start für das Mikrobiom.

Was ist Vaginal Seeding? Die Pionierstudie von Dominguez-Bello

Die Idee hinter dem Vaginal Seeding ist erstaunlich einfach: Wenn ein Baby bei einem Kaiserschnitt nicht auf dieselbe Weise mit den vaginalen Mikroben seiner Mutter in Kontakt kommt wie bei einer vaginalen Geburt – könnte man einen Teil dieses mikrobiellen Kontakts nach der Geburt nachholen?

Genau dieser Frage gingen die Mikrobiomforscherin Maria Gloria Dominguez-Bello und ihr Team in ihrer 2016 in Nature Medicine veröffentlichten Pionierstudie nach. Insgesamt nahmen 18 Mutter-Kind-Paare teil: Sieben Kinder wurden vaginal geboren, elf per geplantem Kaiserschnitt. Vier der Kaiserschnitt-Babys erhielten Vaginal Seeding.

Dafür wurde ein kleines steriles Mulltuch mit Kochsalzlösung angefeuchtet und vor dem Kaiserschnitt für etwa eine Stunde in die Vagina der Mutter eingelegt. Unmittelbar vor der Operation wurde es entfernt. Innerhalb der ersten Minute nach der Geburt strichen die Forschenden mit dem Tuch zunächst über die Lippen des Babys, anschließend über Gesicht, Brust, Arme und Beine, den Genital- und Analbereich und zuletzt über den Rücken. Der gesamte Vorgang dauerte etwa 15 Sekunden. Die teilnehmenden Mütter waren zuvor unter anderem auf bestimmte Infektionen untersucht worden.

Und tatsächlich hinterließ dieser kurze Kontakt mikrobielle Spuren: Die Mikrobiota der behandelten Kaiserschnitt-Babys ähnelte der von vaginal geborenen Kindern stärker als die der unbehandelten Kaiserschnitt-Babys. Die Forschenden fanden bei ihnen mehr mütterliche vaginale Bakterien, insbesondere auf der Haut und im Mund. Dominguez-Bello sprach deshalb bereits im Titel ihrer Arbeit bewusst von einer „partial restoration“ – einer partiellen Wiederherstellung der Mikrobiota. Die kleine Pilotstudie konnte allerdings nicht beantworten, ob daraus auch gesundheitliche Vorteile entstehen.

Genau das versucht die Forschung seitdem herauszufinden. Eine 2023 veröffentlichte randomisierte Studie begleitete Kinder nach Vaginal Seeding bis zum Alter von zwei Jahren. Sie fand keine signifikanten Vorteile für die Zusammensetzung der Darmmikrobiota, das Wachstum oder das untersuchte Allergierisiko. Es gab zwar einzelne interessante Signale – beispielsweise waren Lactobacillus und Bacteroides zeitweise stärker vertreten und mit sechs Monaten trat Übergewicht nur in der Kontrollgruppe auf –, diese Ergebnisse waren jedoch entweder statistisch nicht eindeutig oder bestanden bei späteren Untersuchungen nicht fort. Positiv war auch: Es wurden keine auf die Intervention zurückgeführten unerwünschten Ereignisse beobachtet.

Fast zehn Jahre nach ihrer ersten Studie zieht Dominguez-Bello selbst eine Bilanz. Gemeinsam mit Suchitra Hourigan und Noel Mueller schrieb sie 2025 in JAMA Pediatrics: Die bisherigen Studien liefern Hinweise darauf, dass Vaginal Seeding die bei Kaiserschnitt-Babys veränderte frühe Mikrobiota zumindest teilweise wiederherstellen kann. Die große Frage ist jedoch weiterhin offen: Verbessert diese mikrobielle Veränderung tatsächlich langfristig die Gesundheit der Kinder?

Und genau hier steht die Forschung heute: Wir wissen, dass sich mütterliche Mikroben übertragen lassen. Wir wissen aber noch nicht, ob aus der Wiederherstellung von Mikroben auch eine Wiederherstellung der mit einer vaginalen Geburt verbundenen gesundheitlichen Effekte folgt.

Vaginal Seeding hat einen messabren Effekt: mehr Lactobacillus und Bacteroides.

Vaginal Seeding – ich habe es verpasst

Als mein Sohn Karl 2021 ungeplant per Kaiserschnitt zur Welt kam, hatte ich mich vorher kaum mit dem Thema Kaiserschnitt beschäftigt – und schon gar nicht mit Vaginal Seeding. Im Krankenhaus sprach ich es zwar kurz an, stellte mir darunter damals aber eine komplizierte medizinische Technik vor. Es wurde schnell abgetan, dazu lägen noch nicht genug Studien vor.

Heute kann ich darüber schmunzeln.

Eine sehr erfahrene Hebamme und weise Frau, die mich damals betreute, sah die Sache viel pragmatischer. Sie erzählte mir, dass Mütter ihre Neugeborenen früher teilweise einfach mit Vaginalsekret eingerieben hätten. Einfach so. Ohne um Erlaubnis zu bitten. Und zu den möglichen Risiken, über die ich beim Vaginal Seeding gelesen hatte, hatte sie einen ebenso einfachen Gedanken: Bei einer vaginalen Geburt kommt ein Baby schließlich ebenfalls intensiv mit den vaginalen Mikroorganismen seiner Mutter in Kontakt.

Damals war ich nach dem ungeplanten Kaiserschnitt allerdings viel zu traumatisiert, um mich damit weiter auseinanderzusetzen. Ich hoffte einfach, meine Fragen, meine Zweifel und auch mein schlechtes Gewissen würden sich irgendwann von selbst auflösen.

Heute weiß ich: Hinter dieser erstaunlich simplen Handlung steckt viel mehr, als ich damals dachte. Und dass sich laut Geburtsforschern wie Frank Louwen viele Mütter von sich aus auch nach einem Kaiserschnitt nach Vaginal Seeding erkundigen, finde ich spannend. Vielleicht tragen wir dieses Wissen irgendwie längst in uns – dieses Gefühl, dass der natürliche intensive Kontakt mit den mütterlichen Mikroben bei der Geburt nicht einfach bedeutungslos sein kann.

Und die Forschung bestätigt tatsächlich: Ein solcher vaginaler mikrobieller Transfer kann die frühe Besiedlung von Kaiserschnitt-Babys messbar verändern und die Übertragung mütterlicher Mikroben zumindest teilweise wiederherstellen.

Was wir noch nicht wissen: Bleibt davon langfristig etwas? Hat diese veränderte Erstbesiedlung Jahre später tatsächlich einen gesundheitlichen Vorteil?

Aber auch dazu möchte ich einen Gedanken mit euch teilen: Wie gut können wir die Langzeitwirkung einer einzigen Intervention direkt nach der Geburt überhaupt Jahre später isoliert betrachten? Denn nach diesen ersten Tagen passiert ja unglaublich viel. Ein Baby wird gestillt oder nicht, beginnt irgendwann mit Beikost, isst später mit am Familientisch, bekommt vielleicht Antibiotika, wächst in einer bestimmten Umgebung auf – und all das wirkt wiederum auf sein Mikrobiom ein.

Vielleicht ist deshalb auch die Frage wichtig, was nach dem Vaginal Seeding kommt. Wie ernährt sich das Kind? Wie mikrobiom- und darmfreundlich ist seine Beikost? Welche Lebensmittel gehören später selbstverständlich zu seinem Alltag? Welche anderen Einflüsse kommen in diesen Monaten und Jahren hinzu?

Das heißt für mich nicht, dass Vaginal Seeding deshalb langfristig wirken muss. Aber wenn Jahre später kein Unterschied mehr messbar ist, bedeutet das für mich auch nicht automatisch, dass diese veränderte Erstbesiedlung in den ersten Tagen und Wochen des Lebens bedeutungslos war.

Und eines noch: Der Forschungsstand über das frühe Mikrobiom ist ja selbst ständig in Bewegung. Lange ging man davon aus, dass ein Baby mit einem sterilen Darm zur Welt kommt und die mikrobielle Besiedlung erst mit der Geburt beginnt. Heute weiß man, dass Babys bereits vor der Geburt mit Mikroben oder mikrobiellen Bestandteilen der Mutter in Kontakt kommen.

Ich bin mir deshalb ziemlich sicher, dass wir in den kommenden Jahren noch sehr viel mehr verstehen werden. Nicht nur durch Langzeitstudien, sondern auch, weil unsere Möglichkeiten, Mikroben überhaupt zu erfassen, immer besser werden. Moderne DNA-Sequenzierung hat unseren Blick auf die mikrobielle Welt bereits grundlegend verändert. Mikroorganismen, die wir früher mit klassischen Kulturmethoden kaum oder gar nicht erfassen konnten, können heute besser über ihr genetisches Material untersucht werden.

Und vielleicht werden wir dadurch irgendwann auch besser verstehen, wie diese allerersten mikrobiellen Kontakte mit dem zusammenspielen, was danach kommt: Ernährung, Umwelt, Medikamente, Lebensweise – und möglicherweise auch die Entstehung chronischer Erkrankungen im Kindesalter.

Ich glaube jedenfalls nicht, dass wir bei dieser Geschichte schon am Ende angekommen sind. Im Gegenteil: Wir fangen gerade erst an zu verstehen, was diese ersten Mikroben eigentlich für uns bedeuten.

Weitere Einflussfaktoren auf das Mikrobiom nach der Geburt

Aber zurück zu mir: Da war ich nun. Vaginal Seeding nicht gemacht.

Karl war per Kaiserschnitt auf der Welt. Für mich war der Moment, die Erstbesiedlung in irgendeiner Form nachzuholen, nicht greifbar. Aber die Entwicklung von Karls Mikrobiom war damit natürlich nicht abgeschlossen.

Denn so wichtig diese erste Besiedlung auch sein mag: Die Geburt ist erst der Anfang einer Entwicklung. Von diesem Moment an kommt ein Baby jeden Tag mit neuen Mikroben in Kontakt. Über seine Mutter und seinen Vater, über Hautkontakt und Stillen, über Geschwister, Tiere und seine Umgebung. Später kommt besonders mit der Beikost eine völlig neue mikrobielle Welt hinzu.

Und genau das war für mich irgendwann ein ziemlich befreiender Gedanke: Ich konnte die Geburt nicht mehr ändern. Aber ich konnte mich damit beschäftigen, was danach kommt.

Wie fange ich an, mich als stillende Mama zu ernähren? Wie kann ich Karls Mikrobiom über mein Muttermilchmikrobiom unterstützen? Was wird Karl als erste Beikost bekommen und wie führe ich Probiotika bei ihm ein? Welche Rolle können traditionelle und fermentierte Lebensmittel spielen? Wie erfolgt nach der Beikostzeit der Übergang in eine darm- und mikrobiomzentrierte Familienernährung? Wie viel Kontakt hat er mit Natur, Erde, Tieren und anderen Menschen? Und wie gehen wir mit Faktoren um, die das Mikrobiom ebenfalls beeinflussen können – beispielsweise Antibiotika und potenziell darmstörende Medikamente und Supplements?

Vaginal Seeding habe ich bei Baby Karl nicht mehr nachgeholt. Aber es war der Beginn einer Reise, mit der ich die mikrobielle Welt, durch die er ernährt wird und in der er aufwächst, mit anderen Augen gesehen habe.

Die Geburt ist erst der Anfang: Das kindliche Mikrobiom entwickelt sich mit jeder Mahlzeit, jedem Kontakt und jeder neuen Umgebung weiter.

Quellen und Weiterlesen
Dominguez-Bello, M. G., De Jesus-Laboy, K. M., Shen, N. et al. (2016). Partial restoration of the microbiota of cesarean-born infants via vaginal microbial transfer. Nature Medicine, 22, 250–253. DOI: 10.1038/nm.4039.
Heise, G. (2023, 4. Juli).Vaginal Seeding: Mikrobiom für Kaiserschnittkinder. Deutsche Welle.
Hourigan, S. K., Mueller, N. T. & Dominguez-Bello, M. G. (2025). Can Vaginal Seeding Improve Health Outcomes of Infants Born by Cesarean Delivery? JAMA Pediatrics, 179(4), 361–362. DOI: 10.1001/jamapediatrics.2024.6893.
Liu, Y., Li, H.-T., Zhou, S.-J. et al. (2023). Effects of vaginal seeding on gut microbiota, body mass index, and allergy risks in infants born through cesarean delivery: A randomized clinical trial. American Journal of Obstetrics & Gynecology MFM, 5(1), 100793. DOI: 10.1016/j.ajogmf.2022.100793.
Lutz, F. & Gianom, M. (2018). Vaginal Seeding – Chance oder Risiko? Die Hebamme, 31(1), 45–53. DOI: 10.1055/s-0044-101138.

Bettina Neurohr

Bettina ist Expertin für Darmgesundheit & Mikrobiom, Funktionelle Ernährungsberaterin, Certified GAPS Coach, zertifizierte Fermentista und Gründerin von minibiom.

Sie verbindet ihren wissenschaftlichen Hintergrund aus fast 20 Jahren in der akademischen Forschung mit ihrer praktischen Arbeit mit Familien, Müttern, Babys und Kindern – und ihrer persönlichen Erfahrung mit ihrem  Sohn Karli.

Bettina Neurohr sitzt in einem Klassenzimmer

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